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Forschungs- und Lehreinheit Informatik V Ingenieuranwendungen in der Informatik, numerische Programmierung |
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Frauen in der Mathematik
Die Probleme, mit denen die Frauen in der NS-Zeit ("Die
Welt der Frau") zu kämpfen hatten, finden sich natürlich bei den
Mathematikerinnen wieder. Frauen, noch dazu wenn sie Jüdinnen waren, sahen
sich in verschärfter Form mit Diskriminierung und Schikanen konfrontiert,
wenn sie eine akademische Karriere verfolgen wollten. Es spielte eine große Rolle, dass die Tätigkeiten der Frauen stark den zeitgenössischen Weiblichkeitsentwürfen entsprachen. Deshalb war es Frauen vorbehalten in Gebieten tätig zu werden, die durch Lebensnähe und soziale Verantwortung gekennzeichnet waren. Als Beispiel sind Medizin, besonders Sozialhygiene, Gesundheits- und Wohlfahrtpflege anzuführen. Studien in diesen Bereichen gestattete man den Frauen, weil sie der angeblichen Natur der Frau nicht widersprachen. Man hatte damals die Vorstellung, dass Frauen von Natur aus sanft, treusorgend, geduldig, naiv und rührselig seien. Mathematikerinnen entsprachen diesem Frauenbild nach vorherrschender Meinung der Gesellschaft absolut nicht. Im Gegenteil, aufgrund ihrer logischen und analytischen Fähigkeiten wurde ihnen jegliche Weiblichkeit abgesprochen. Damit lässt sich auch die Feindseligkeit und Diskriminierung erklären, die ihnen entgegenschlug, wenn sie die Absicht hatten, wissenschaftlich tätig zu werden und dabei sogar erfolgreich zu sein. Einer Frau, die sich entschloss, einen akademischen Werdegang zu bestreiten, insbesondere Mathematik zu studieren, wurden mehrere Steine in den Weg gelegt. Dennoch haben Frauen es geschafft, sich von diesen Vorurteilen zu befreien, das Selbstvertrauen zu gewinnen, trotz der massiven Widerstände ihre Berufs- und Lebensziele zu verfolgen und schlussendlich auch zu verwirklichen. Welche Faktoren oder Umstände dazu förderlich oder eher hinderlich waren, lässt sich in den folgenden Ausführungen nachlesen.
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"Ich muss gestehn, dass mich immer eine Art von Fieberfrost
befällt, wenn man mich in Gesellschaft einer Dame gegenüber oder an die
Seite setzt, die große Ansprüche auf Schöngeisterei, oder gar auf
Gelehrsamkeit macht." Adolph Freiherr Knigge (Knigge 1991:205) |
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"Die rechte Gründlichkeit der Erkentniß kan unmöglich erhalten werden, wenn man nicht nach den strengsten Regeln der Logic und der mathematischen Methode denkt. Schickt sich das für ein Frauenzimmer? Ein Frauenzimmer muß die mathematische Methode nicht einmal dem Namen nach kennen." Zeitschrift "Der Gesellige" |
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Hochschullehrer mit förderndem bzw. hemmenden Einfluss Ein wichtiger Aspekt in dieser Hinsicht ist die positive bzw. negative Haltung von Universitätsprofessoren zur Rolle der Frau in akademischen Berufen. "Während sich Mathematiker damals ausnahmslos für das Frauenstudium und für die wissenschaftliche Befähigung der Frau im allgemeinen erklärten, plädierten Naturwissenschaftler mehrheitlich, unter ihnen die Physiker Max Planck und Emil Warburg, nur für den Ausnahmefall und schlossen sich oftmals den vorgebrachten Gegenargumenten an. Die häufigsten Gegenargumente- Vertreter der Geistes- und Naturwissenschaften gemeinsam betrachtet- waren: die Gefährdung von Sittlichkeit und geistigem Niveau, eine drohende Überfüllung einzelner Studiengänge und akademischer Berufe, eine befürchtet Verschärfung der Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt sowie die Konstruktion einer angeblichen Natur der Frau, wobei der Frau eine natürliche Veranlagung zu ausschließlich gefühlsmäßigem Denken und Handeln zugeschrieben wurde. Dieses sei durch die Konstitution, d.h. ein kleineres Gehirn, ihren Zyklus, Schwangerschaft usw. bedingt. Emotionalität und Körperlichkeit der Frau wären nach diesen Ansichten unvereinbar mit den Anforderungen an wissenschaftliche Arbeit. Diese erfordere männliche Eigenschaften wie logisches Denken, Entschluss- und Durchsetzungsfähigkeit sowie Abstraktionsvermögen."
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"Amazonen sind auch auf geistigem Gebiet naturwidrig." Max Planck
"Man kann also sagen, dass ein mathematisches Weib wider die Natur sei, im gewissen Sinne ein Zwitter. Gelehrte und künstlerische Frauen sind Ergebnisse der Entartung. Nur durch Abweichung von der Art, durch krankhafte Veränderung, kann das Weib andere Talente, als die zur Geliebten und Mutter befähigenden, erwerben." Paul Möbius, Neurologe, in seinem Buch "Über die Anlage der Mathematik" |
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Beruf oder Familie lautet die Entscheidung Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf war damals wie auch heute ein großes Problem. Eine akademisch gebildete Frau musste sich auf ihrem weiteren Weg zwischen einer akademischen Karriere oder dem Familienleben entscheiden. Beides miteinander zu verbinden, gelang nur wenigen Frauen. Lehrerinnen und Frauen im Staatsdienst wurde diese Entscheidung die Regierung abgenommen, weil ihr Beruf bzw. ihre Tätigkeit bis 1919 mit dem Zölibat belegt war. Dieses Gesetzt wurde im Laufe der Jahre abgeschwächt, 1923 diente es dazu, verheiratete Frauen aus ihrem Dienst ohne weitere Begründung entlassen zu können. Diese Ansicht dominierte auch im Hinblick der Zulassung zur Professur, wie das Zitat von Franz Riehl verdeutlicht. Entschied sich die Frau für die Familie, so zeigt die historische Entwicklung mindestens drei Wege: 1.) die akademisch gebildete Frau verzichtete im Interesse der Familie auf eine berufliche Tätigkeit. Eventuell erlangt sie als mithelfende Ehegattinnen Beachtung 2.) die studierte und zum Teil promovierte Frau heiratete, und die Ehe scheiterte 3.) der Frau gelang es, Ehe und Beruf glücklich zu vereinbaren Für den ersten Fall möchten wir an dieser Stelle Ruth Moufang erwähnen, die auf eine berufliche Tätigkeit nicht verzichten wollte, und in Folge dessen ledig blieb. Im dritten Fall ist Olga Taussky Todd als Beispiel anzuführen. Ihre Ehe mit John Todd ist zwar kinderlos, jedoch arbeiten beide häufig bei den gleichen Firmen bzw. Institutionen und gestalten ihren Lebensweg im partnerschaftlichen Gleichklang.
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"Zunächst könnten Frauen zur Professur wohl nur zugelassen
werden, falls sie unverheiratet sind. Dieser Grundsatz gilt meines Wissens
gegenüber allen weiblichen Personen, welche im preußischen Staate eine
öffentliche Anstellung erlangen wollen, z.B. den Lehrerinnen, und zwar mit
Recht. Die Pflichten einer Hausfrau werden sich nur ausnahmsweise mit denen
einer öffentlichen Lehrerin vereinigen lassen, und Schwangerschaft,
Wochenbett und Kindererziehung und -Wartung werden nur zu oft die
erheblichsten Störungen in der Abhaltung der Vorlesungen herbeiführen." Franz Riehl, Professor an der Universität Königsberg, 1907 |
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Erfolgreiches Studium kein Garant für Karriere Die Mehrzahl der Frauen, die ein mathematisches oder naturwissenschaftliches Studium absolvierten, hatten den Berufswunsch, Lehrerin zu werden. Die Oberlehrerinnenlaufbahn im Höheren Schuldienst wurde als Berufsziel bevorzugt, da dieser Beruf, wie jeder erzieherische oder soziale Dienst, am besten dem traditionellen Denken entsprach. Auch Ruth Moufang begann ihr Mathematik-Studium zunächst in der Absicht, Lehrerin zu werden. Eine selbständige oder freischaffende Tätigkeit hingegen war nahezu unmöglich. Ein weiteres Tätigkeitsgebiet bot sich in der Industrie und Wirtschaft, allerdings noch sehr zögerlich, da allgemein die Absolventen von mathematischen und naturwissenschaftlichen Studiengängen erst nach und nach in der Wirtschaft eine Anstellung fanden. Frauen hatten es auch in diesem Bereich besonders schwer. Selbst bei herausragenden Leistungen wurden ihnen leitende Positionen verwehrt. Auch hier sei wieder Ruth Moufang als Beispiel angeführt, die einige Jahre im Krupp-Eisenforschungsinstitut tätig war und dort sogar zur Abteilungsleiterin aufstieg. Den Hauptarbeitsbereich boten die Universitäten, u. a. arbeiteten die Frauen dort als wissenschaftliche Assistentinnen und waren im Rahmen dieser Tätigkeit hauptsächlich mit Betreuungsaufgaben, Lehrverpflichtungen und Dienstleistungen beschäftigt, wie z.B. messende Tätigkeiten, Literaturrecherchen und bibliographische Arbeiten, was ihnen keine Zeit und keine Möglichkeit gab, sich weiter zu bilden oder gar eine wissenschaftliche Laufbahn einzuschlagen. Obwohl sie oftmals die besseren Leistungen und Qualifikationen aufzuweisen hatten als ihre männlichen Konkurrenten, blieben ihnen die anspruchvollen und prestigeträchtigen Positionen an der Universität verwehrt. Schaffte es eine Frau dennoch sich zu habilitieren, so erhielt sie im seltensten Fall eine verbeamtete, ordentliche Professur. Auch dieses Privileg blieb nur den Männern vorbehalten. Diesem Missstand war man sich schon 1928 an bestimmten politischen Stellen bewusst und wollte mit den ersten Quotenforderungen Abhilfe schaffen (siehe Zitat rechte Seite).
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"Das weibliche Geschlecht scheine an den Universitäten recht
schlecht zu fahren, Es komme daher die Einrichtung einiger Extraordinate in
Frage, für die in der Übergangszeit eine Besetzung durch Frauen
vorzuschreiben sei, da Frauen sonst nicht zu ihrem Recht kämen. Die
Leistungen seien hier nicht ausschlaggebend, weil die geringere Leistung auf
die systematische Fernhaltung zurückzuführen sein." Geheimes Staatsarchiv, Stiftung Preußischer Kuturbesitz
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Chancen für Mathematikerinnen Durch die Wahl des Forschungsgebietes konnten die angehenden Wissenschaftlerinnen ihren Erfolg und die Karrieremöglichkeiten wesentlich beeinflussen. Neu entstehende Gebiete, in denen sich noch keine hierarchischen Strukturen herausbilden konnten, die noch nicht voll etabliert waren und noch der Anerkennung bedurften, boten durchaus freie Entfaltungsmöglichkeiten für die Mathematikerinnen und auch den jüdischen Wissenschaftlern. Zumal sie mit wenig Konkurrenz seitens der Männer rechnen mussten, da sich diese lieber auf die prestige- und patentträchtigen etablierten Forschungsgebiete konzentrierten, in der berechtigten Hoffnung, dort eher zu Karriere und Ruhm zu kommen als in gerade entstehenden Fachgebieten. In diesem Zusammenhang ist auch die interdisziplinäre Tätigkeit zu nennen, durch die es einige Frauen schafften, verschiedene Fachgebiete miteinander zu verknüpfen und so zu innovativen und viel versprechenden Ergebnissen zu kommen, die ihnen letztendlich doch den verdienten Ruhm einbrachten. Als Beispiel wäre Maria-Pia Geppert zu nennen, die 1943 zur Dozentin für Biostatistik (medizinische sowie Erb- und Bevölkerungsstatistik) ernannt wurde und 1964 einen der ersten Lehrstühle für Medizinische Biometrie in Deutschland übernahm. Ein weiteres Beispiel ist Iris Runge, die, vom gegenwärtigen Standpunkt aus, als frühe "Technomathematikerin" bezeichnet werden könnte. Ihre Forschungen umfassten ein breites Spektrum, angefangen von Mathematik, über Physik, bis hin zu Technik. So wandte sie z.B. neueste Methoden der Wahrscheinlichkeitsrechnung und Statistik auf Fragen der Fabrikationskontrolle in der Glühlampenindustrie an. Eine weitere Chance, beruflich voranzukommen, bot sich durch die sich zusehends zuspitzende politische Lage im Dritten Reich. Männliche Konkurrenten wurden aufgrund "falscher" politischer Gesinnung aus dem Amt gedrängt oder mussten wegen jüdischer Abstammung emigrieren. Die freiwerdenden Stellen wurden oft von Frauen wieder besetzt. So kam es, dass z.B. Hel Braun in Göttingen wichtige administrative Aufgaben für die Lehrstuhlleitung übernahm, weil fast alle Professoren und Assistenten nicht mehr an der Universität weilten. |
„Fast immer ergeben sich
wertvolle Erkenntnisse, wenn es gelingt, eine Brücke zu schlagen zwischen
bisher getrennten Wissensgebieten. Die fertig ausgebauten Methoden und
Ergebnisse des einen Gebietes liefern oft unerwartete neue Handhaben zur
Bearbeitung des andern, und zugleich wirkt der neue Anwendungsstoff meist
wiederum befruchtend auf die Entwicklung der Methoden.“
Iris Runge [Publikation 1930]
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Quelle:
Tobies, R.:
‚Angewandte Mathematik ist schmutzige
Mathematik!‘ Die Rolle von Frauen in diesem Gebiet in den ersten Jahrzehnten
unseres Jahrhunderts, in: Mitteilungen der
Österreichischen Gesellschaft für Wissenschaftsgeschichte, 18 (1998),
S. 15-35. (hier u.a. zu Geppert, Weber)
R. Tobies (Hrsg.), "Aller Männerkultur zum Trotz": Frauen in Mathematik und
Naturwissenschaften. Frankfurt/Main, New York: Campus Verlag, 1997